Ellen Radtke

Qua Geburt bin ich eine Grenzgängerin. Aufgewachsen in einer katholischen Familie an der nordrheinwestfälischen Grenze zu Niedersachsen mit unmittelbarer Nähe zu den Niederlanden, war mir dies aber lange nicht bewusst, wir überquerten ja ständig irgendwelche Grenzen, sei es um Freunde zu besuchen, sei es um einzukaufen. Erst spät kamen zu diesen Grenzen jene mit Stacheldraht hinzu. Kein Bild hat sich mir so deutlich eingeprägt wie das von Grenzbeamten, die bei der Einreise unserer Schulgruppe nach Polen das Zugabteil durchsuchten und dabei Maschinengewehre trugen. Grenzen rochen für mich seit diesem Tag auch nach Gewalt, während ich mir Freiheit wünschte. Mein Glaube an Gott wurde in diesem Wünschen mein größter Schatz. Ich überschritt schließlich die Grenzen der Konfessionen und fand Heimat in der evangelischen Kirche.

Während meines Theologiestudiums erlebte ich dann auch im wissenschaftlichen Betrieb, wie Glaube mit dem Wissen wachsen kann. Ich fragte über Grenzen hinaus und durfte vor allem bei Fächern die Grenzen überschreiten. An der Kirchlichen Hochschule Bethel und im Anschluss in der Bundeshauptstadt an der Humboldt-Universität zu Berlin,  konnte ich die Ränder meines Faches ausleuchten. Insbesondere während meines Hauptstudiums bildete der Themenschwerpunkt Gender und die damit verbundenen Fragestellungen neben den exegetischen Fächern einen Schwerpunkt meines Studierens. Ich beschäftigte mich intensiv mit Fragen der Diversität und lernte so auch von den Disability Studies. Vielfalt wurde so für mich zu einem Begriff, der die Grenze von Menschlichkeit gewaltlos beschützt.

Ich legte schließlich mein 1. Theologisches Examen bei der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz ab und absolvierte mein Vikariat, wie könnte es anders sein,  an der Südgrenze von Berlin, mit dem Land Brandenburg in Sichtweite. Hier war es nur noch die Bibel und keine gesamte Bibliothek mehr, die mich im Alltag begleitete und ich machte die Erfahrung, dass es oft auch gar nicht mehr braucht, denn in ihr ist ja schon alle Freiheit verheißen. Noch heute habe ich sie daher immer dabei, wenn auch mittlerweile als App.

Geschlecht aber, so spürte ich es in dieser Zeit, bildete dennoch eine unsichtbare Grenze, die nur schwer zu überschreiten war. Ich musste hundertmal sagen, dass ich gar nicht backen kann, während einer meiner Freunde im Vikariat, der Biskuit jederzeit perfekt hinbekommt, nicht einmal gebeten wurde, einen Kuchen mitzubringen. Vermutlich waren es auch solche ganz alltagspraktische Fragen, die mich veranlassten, den Genderfragen einen Schwerpunkt im 2. Theologischen Examen einzuräumen. Dieses befähigte mich dann zur Übernahme meiner ersten Pfarrstelle mitten im Land Brandenburg.

Gemeinsam mit meiner Frau ging es nun nach Hannover und bei allem was ich tue, bleibt mir der Wunsch nach offenen Grenzen, der es Menschen möglich macht, einander einfach zu begegnen.

 

 

 

 

 

 

Lebenslauf

 

02/2016                    Studienleiterin am Studienzentrum für Genderfragen in Kirche und Theologie

01/2014-01/2016      Pfarrerin der Kirchengemeinde Golzow-Planbruch in Brandenburg

03/2015                    Ordination

2014                          2. Theologisches Examen vor der Ev. Kirche Berlin-Brandenburg schlesische Oberlausitz

09/2012-12/2014      Vikariat in der Kirchengemeinde Berlin-Lichtenrade

2012                          1. Theologisches Examen vor der Ev. Kirche Berlin-Brandenburg schlesische Oberlausitz

04/2007-03/2012      Studiengang der Ev. Theologie mit dem Ziel des 1. Kirchlichen Examens an der Humboldt-Universität zu Berlin

10/2004-03/2007      Diplomstudiengang der Ev. Theologie an der Kirchlichen Hochschule Bethel

07/2004                    Abitur am Arnold-Janssen-Gymnasium in Neuenkirchen, St. Arnold